Michelstädter Thesen zu einer nachhaltigen Kirchenentwicklung der EKHN

1) Der Rat Jesu in den synoptischen Evangelien ist ein Schlüssel auch für nachhaltige Kirchenentwicklung: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder … Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Mk 10,42-43
Jesus zeigt dies in der Tat, indem er vorbildhaft seinen Jüngern die Füße wäscht. Joh 13,1f
Dem gemäß ist Kirchenleitung, nicht nur, aber wesentlich, für die Gemeinden da. Denn Gottes Menschwerdung auf der unteren Ebene ist Zuspruch und zugleich Anspruch zur Stärkung der Kirchenbasis. Hier sind Anfang und Wesen von Kirche begründet.

2) Kirchengemeinden als Filialsystem einer großen Kirche sind seit Beginn Erfolgsmodell der Christenheit. Sie gewährleisten eine nachhaltige Nähe zu den Menschen durch Aufbau von generationsübergreifenden Beziehungen. Wir sollten Bewährtes, was wir von unseren Vorfahren zu treuen Händen ererbt haben, ohne Not nicht kürzen. Wird Gemeindestruktur auf ein kritisches Maß geschwächt, droht Kirche zu zerbrechen.

3) Der Gemeindepfarrdienst ist die Schlüsselprofession unserer Kirche; nicht nur aus Tradition – es wird auch im Kirchenvolk so empfunden. In den Gemeinden werden die meisten Ehrenamtlichen gewonnen. Doch dies bedarf der Präsenz Hauptamtlicher vor Ort. Also gilt es, den Gemeindedienst überproportional zu stärken.

4) Wer ohne Not Gemeindestellen kürzt, handelt gegen die (Kirchensteuer zahlenden) Gemeindeglieder, gegen unternehmerischen Verstand und gegen das Evangelium. Also gilt es, Kürzungen im Gemeindebereich unbedingt zu vermeiden. Wir halten ein Moratorium bis mindestens 2017 für dringend geboten. Dafür sind mehr als genug Finanzmittel vorhanden.

5) Wenn der Gürtel tatsächlich enger geschnallt werden müsste, dann dort, wo die meisten Speckreserven gebildet wurden: bei der mittleren Ebene.
Es ist eine kluge Strategie unseres Körpers, in der Not vorzugsweise Fettpolster abzubauen. Ebenso intelligent ist das Vorgehen einer Körperschaft, wenn nötig, Verzichtbares abzuspecken.
Die mittlere Ebene ist im Grunde eine Doppelstruktur zu den Propsteien und spielt im Bewusstsein der Kirchenmitglieder kaum eine Rolle. Sie kann ohne gravierende Folgen verschlankt werden – sogar ohne Arbeitsplatzverluste. Gestärkt würden hierdurch Gemeinden, aber auch Propsteien. Der Verlust wäre klein, der Gewinn groß: etwa durch Einsparungen bei Gebäude- und Mietkosten. Außerdem gäbe es weniger Bürokratie und zusätzliche Ressourcen dort, wo sie gebraucht werden.

6) Sollte der drohende Mangel an Gemeinde-Pfarrerinnen und -Pfarrern nicht durch Neueinstellungen abzuwenden sein, schlagen wir vor, eigene Ressourcen der EKHN zu nutzen. Von 1552 Pfarrstellen (Stand 2010) sind lediglich 1034 Gemeindepfarrstellen. Es gibt also genug Binnen-Ressourcen, die für unsere Gemein¬den erschlossen werden können. Etwa durch folgende Maßnahmen:
-    Umwandlung der hauptamtlichen DekanInnen-Stellen in nebenamtliche. Ein bewährtes
      und erprobtes Modell, wodurch viele vakante Gemeindepfarrstellen besetzt werden können.
-    Besetzung von Funktionsstellen möglichst nicht mit PfarrerInnen.
-    Anbindung geeigneter Dekanatsstellen an Gemeinden.
-    Nutzung von freiwerdenden Dekanatsbürostellen für die Gemeinden und dadurch Entlastung und Stärkung der Gemeinde-Pfarrerinnen und -Pfarrer für ihre eigentlichen Aufgaben.
Die beste Werbung für den Gemeindepfarrdienst sind glückliche Pfarrerinnen und Pfarrer in blühenden Gemeinden. Nutzen wir unsere vielseitigen, bunten Gnadengaben Gottes, um unser Gemeindeleben zu fördern. 1.Petrus 4,10

7) Wir brauchen eine breite und komplementäre Diskussionskultur, um komplexen Problemen in der Kirchenpolitik gerecht zu werden. Hierzu ist es notwendig, dass die Betroffenen aufstehen und zum Wohl unserer Kirche Widerspruch wagen. Wir sind Protestanten, vergessen wir das nicht. Kontroverse Diskussionen auf breiter Basis stehen in reformatorischer Tradition und sind die Voraussetzung für eine lösungsorientierte, demokratische Meinungsbildung. Wer auf die Monokultur weniger sog. Eliten setzt, droht zu scheitern. Das lehrt u. a. die Banken- und Wirtschaftskrise.
Es geht nicht darum, Alternativen los zu werden, sondern Kontroversen auszuhalten und sich auf Gegenpositionen einzulassen, für die besten Lösungen zugunsten unserer Kirche und ihrer Menschen.
Auch eine erneute, leidige Grundsatzdiskussion ist wichtig, wenn sie dem Evangelium und damit den Menschen dient. Besinnen wir uns auf die uns geschenkten Ressourcen und entwickeln sie zum Besten!

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