Predigt zur Jahreslosung

Das ist das ideale Jahresmotto für alle Hilfsorganisationen: Seid barmherzig! Bestimmt wächst dadurch das Spendenaufkommen jetzt am Jahresanfang ganz enorm. Bald allerdings wird sich wohl ebenso bestimmt zeigen, dass es mit diesem Motto auch nicht anders geht als mit den vielen anderen guten Neujahrsvorsätzen: Sie halten nicht lang.

Dabei tut ein Appell für mehr Barmherzigkeit unserer Welt bestimmt gut. Es gibt so viele unbarmherzige Menschen. Beispiele fallen uns leider allzu schnell ein, etwa die Länder in der Europäischen Union, die noch nicht einmal unbegleitete Flüchtlingskinder aufnehmen wollen. Diesen Leuten schreiben wir die Jahreslosung dick in den Kalender. Andererseits, wie steht es mit uns selbst, wenn wir barmherzig sein sollenß Wie lange halten unsere guten Vorsätzen? Wenn ich ehrlich bin und dabei auch gerade an mich selbst denke, dann muss ich bekennen: allzu optimistisch können wir da wohl nicht sein?! Wir können ja auch nicht allen helfen. Schließlich muss man auch an sich selbst denken. Bleiben wir realistisch! Und schon tritt sie in den Hintergrund, die Barmherzigkeit.

Aber zum Glück steckt hinter dieser Jahreslosung für 2021 mehr als ein Appell, der gut zu hören ist und dann doch schnell wieder im Alltag verhallt. Denn Jesus erinnert an den Grund aller Barmherzigkeit: an Gott! Euer Vater, damit meint er nicht die Väter seiner Jünger. Denn wer weiß, wie barmherzig oder eben auch unbarmherzig die waren. Jesus spricht vom barmherzigen Vater im Himmel. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“, das hat schon der Psalm-Sänger gewusst.
Jesus sieht  Gott als unseren Vater. Einen Vater, der uns als seine Kinder bedingungslos und unendlich liebt und annimmt. Jesus beschreibt damit die Barmherzigkeit Gottes als ein Geschenk. Gott stellt keine Forderungen, keine Bedingungen.

Der Kreislauf der Liebe und der damit verbundenen Barmherzigkeit anderen gegenüber beginnt immer bei Gott, der unerschöpflichen Quelle aller Liebe und Barmherzigkeit. Unser Herz ist mit seiner Liebe gefüllt, sie macht auch uns barmherzig. Gottes Liebe in uns öffnet unser Herz für eine fremde Not, für Menschen die bedürftig sind an Körper, Geist und Seele. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit ist misericordia. „Miser“ steht für arm oder elend und „cor“ bedeutet Herz. Also: Das Herz eines Menschen trifft auf das Elend eines anderen und nimmt sich seiner Not an. Barmherzigkeit ist tätige Nächstenliebe. Sie ist mehr als bloßes Mitleid. Gottes Liebe in uns entfaltet sich zu echter Betroffenheit und Großherzigkeit. Das können wir nicht aus eigener Kraft geben, sonst sind wir irgendwann leer und müde. Deshalb sagt Jesus deutlich: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Der Kreislauf der Barmherzigkeit beginnt bei Gott selbst.

Und doch fällt uns solche Barmherzigkeit immer wieder schwer. Viel zu oft knüpfen wir Erwartungen an unsere Barmherzigkeit: Wenn ich nachgebe, dann muss der oder die andere mich doch endlich schätzen lernen. Aber so wird das nichts; so ist Barmherzigkeit nicht gemeint und auch nicht zu haben! Vielleicht ist es darum heilsam, wenn wir mal die Blickrichtung wechseln. Warum ist es denn so schwer, Barmherzigkeit anzunehmen? Weil wir dabei eigene Schwäche eingestehen und vielleicht auch Sorge haben müssen, dass der Andere irgendwann einmal die Rechnung präsentiert. Bei kleineren Kindern ist das nicht so. Sie können Barmherzigkeit und Geschenke annehmen, einfach so. Das liegt am Vertrauen, das sie zu ihren Eltern haben.

Genau zu solchem Vertrauen auf Gott lädt uns Jesus ein. Lass dich von Gott beschenken, ohne zu überlegen, was du ihm zurückzahlen musst. Dein ganzes Leben hast du von ihm, das musst du nicht bezahlen. Vergebung schenkt er durch Jesus Christus, die kannst du gar nicht kaufen. Vertrauen zu unserem Vater im Himmel, das ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Wir könnten auch sagen: Seid barmherzig, weil euer Vater barmherzig zu euch ist. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ So wünsche ich Ihnen: Mögen die Worte der Jahreslosung Ihnen täglich Glaubenskraft und Zuversicht schenken und uns alle zu einem barmherzigen neuen Jahr 2021 anspornen.

Herzlichst
                      Jan Heidrich

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