Von guten Mächten

Liebe Leserinnen und Leser,

nun saß er in der „Zentrale des Todes“. Von dort planten und befehligten die Nazis ihre menschenverachtenden Verbrechen. Ausgerechnet hier im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin entstand ein Gedicht, das bis heute Menschen tief berührt und trägt:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag. - EG 65,7
Die Verse liegen dem letzten Brief Dietrich Bonhoeffers an seine Familie und seine Verlobte, Maria von Wedemeyer, bei: „Meine liebste Maria! Ich bin so froh, dass ich Dir ... schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und Euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe bildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. … So ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja sowenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Ich bin jeden Tag froh, dass ich Dich, Euch habe und das macht mich glücklich froh.“
Es gibt eine Geborgenheit gerade dort, wo wir ausgeliefert sind, wo es eng wird im Leben. Situationen, in denen sich dann aber eine Tür öffnet zu einer zweiten Realität. Bonhoeffer beschreibt sie als „Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“. Es bedarf jedoch der Stille, um diese Verschränkung zweier Dimensionen zu erfahren. Dann spüren wir sie gegenwärtig, auch wenn sie ganz woanders sind: Freunde, Familie, schöne Szenen und Melodien – in uns, als seien sie um uns. Wir sind dann mitten in dieser anderen Wirklichkeit, geborgen und getragen, obwohl wir vielleicht krank im Bett liegen oder an einem Grab stehen. Was ist Einbildung, was ist Fakt? Beides ist wahr! Wir haben die schöpferische Macht, einer Seite mehr Resonanz zu geben: dem, was uns niederdrückt oder dem, was uns trägt.
Bonhoeffer hätte allen Grund gehabt, zu verzweifeln oder Gott wegen seines Schicksals anzuklagen. Er aber spricht in seinem Gedicht von einem Gott, der uns für das Heil geschaffen hat! „Was du glaubst, das hast du“, so Martin Luther. „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagte Jesus zu denen, die er heilte. Glauben und Spüren eröffnet diese „Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“.
Für mich ist sie erfahrbar, wenn wir im Gottesdienst unserer Verstorbenen gedenken. Wenn deren Kerzen auf dem Altar mitten im Abendmahlskreis flammen, dann wird es fühlbar: Gemeinschaft und Nähe, die Raum und Zeit durchdringen –  von guten Mächten wunderbar geborgen.
Ihr Pfarrer
          Frank Seeger

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