Von der Freiheit eines Christenmenschen

Liebe Leserin, lieber Leser,

lebst du oder wirst du gelebt?

Strengen Sie sich immer mehr an, um Erwartungen zu erfüllen – getrieben von der Sehnsucht nach Anerkennung und der Angst Fehler zu machen? Dann hat Martin Luther Ihnen etwas zu sagen.

Aus heutiger Sicht könnte man den jungen Luther als Getriebenen im Hamsterrad der Selbstoptimierung bezeichnen. Sein Ziel war es, Gott zu genügen. Auch heute wollen oder müssen wir genügen, aber meist nicht Gott, sondern unserem Chef, unserer Familie oder wem auch immer – getrieben von der unterschwelligen Angst, gesteckte Ziele zu verfehlen.

„Verfehlung“ heißt im Neuen Testament „harmatia“ und steht dort für „Sünde“. Die Verfehlung war damals moralisch verstanden. Heute ist das meist die Fehlleistung. Beide haben gemeinsame Wurzeln. Luthers Angst vor der Sünde entspricht die Versagensangst von uns heutigen Menschen. Dieser Angst versuchen wir zu entfliehen, indem wir uns immer weiter optimieren: noch klüger, noch gesünder, noch perfekter. Luther wollte noch frömmer werden. Er war ein Perfektionist der Selbstkasteiung, quälte sich bis zum Umfallen, um Gott zu gefallen. Doch der Perfektionist endet in der Verzweiflung.

Eine Lösung tat sich für Martin Luther erst auf, als er beim Studium des Römerbriefes erkannte: Ich stehe vor Gott gut da, nicht weil ich so gut bin, sondern weil ich bei Gott gut angesehen bin. So wurde Luther befreit vom Zwang besser und besser werden zu müssen.

„Und siehe, es war gut“ (hebräisch „tob“), heißt es in der Schöpfungsgeschichte, als Gott sah, was er geschaffen hatte. Gut war es und nicht etwa perfekt. Denn „perfectum“ ist das Abgeschlossene, das nicht mehr Entwicklungsfähige. Wenn ich also bei Gott „gut“ sein kann, heißt das: Ich bin frei, mich zu entwickeln, vergleichbar einem spielenden Kind, das kreativ ist, Zeit vergessen. So lange, bis die Mutter ruft: „Du musst deine Hausaufgaben machen!“ Kreativität als schöpferisches Handeln braucht Freiheit, um die eigenen Begabungen zu entdecken und zu entfalten. Entscheidende Erfindungen wurden von „Spielenden“ gemacht – in einer Garage, auf dem Dachboden oder auf dem freien Feld –  von Leuten, die gerade nicht ihre Hausaufgaben machten.

Als Luther erkannte, dass er allein aus Gnade gut dasteht vor Gott, war dies für ihn wie ein kreativer Urknall und zugleich der Eintritt in die „Freiheit eines Christenmenschen“, der „niemandem untertan“ ist.  Für uns heute kann diese Freiheit zum Ausweg aus dem Zwang zur Selbstoptimierung werden.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5,1) Doch Freiheit im Sinne des Evangeliums ist Freiheit in der Bindung an Gott, eine Freiheit aus dem Glauben. Es ist nicht nur eine „Freiheit von“ Angst und Zwang, sondern auch eine „Freiheit zu“ Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft.

Luther sieht uns in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ als befreit, für den andern da zu sein. Wahre Freiheit haben wir nur in einer Beziehung zu Gott und unseren Nächsten, sonst wären wir Gefangene unserer selbst. Für Luther ist der „Sünder“ ein „in sich verkrümmter Mensch“, gefangen in seinem Ego. Öffnet er sich Gott, kann er aufgerichtet und frei werden.

So paradox es klingen mag: Nur wer sich frei bindet, kann frei von Fesseln werden.

Ihr Pfarrer

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt