Resonanz

Liebe Leserinnen und Leser,

geht es Ihnen auch so? Irgendwann reicht´s einem mit den Bildern des Terrors in den Medien.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und frage: „Machen sich nicht zu viele Nachrichtensendungen wider Willen zur Bühne für Terroristen und Amokläufer? Zur besten Sendezeit werden die Täter, ihre Themen und Aktionen ins Bild gesetzt – wieder und wieder. Sie erhalten große Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu den Opfern. Das ist weder mit dem Informationsanspruch der Medien noch mit deren Konkurrenzsituation zu rechtfertigen. Es ist ein Skandal. Und zudem gefährlich, denn es animiert manch schwache, erfolglose und gekränkte Persönlichkeit, abscheulichste Verbrechen zu begehen, um „groß raus zu kommen“.
Dagegen ist eine kluge Strategie der Menschlichkeit notwendig, die Resonanzräume des Bösen minimiert, damit Attentäter möglichst kein Forum erhalten: Darum macht nicht nur deren Bilder und Namen unkenntlich. Vermeidet auch ihre Themen und Sprache. Stimmt nicht ein in deren Lärm des Todes.
Das hilft nachweislich. In den 1980er Jahren einigten sich Medienvertreter in der „Wiener Selbstverpflichtung“, nicht mehr über Suizide auf U-Bahngleisen zu berichten. Darauf ging die Rate solcher Selbsttötungen um 60 Prozent zurück.
Dem Schlechten die Resonanz entziehen ist aber nur die eine Seite. Die andere ist, Resonanzräume des Guten zu schaffen. Der Psychoanalytiker Holm-Halluda bringt es auf den Punkt: Menschen wachsen, wo sie gesehen und beantwortet werden. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche, deren Persönlichkeit noch sehr formbar ist.
Darum legen wir in unserer Stadtkirchengemeinde einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Als Beispiele seien hier die Pfifferlinge, Kirche mit Kindern oder unsere Jugendgruppe genannt.
Mit unserer „Wahr-Nehmung“ gehen wir in Resonanz, beeinflussen wir Menschen – zum Guten, wie zum Schlechten. Beachten wir das Gute, haben wir es bereits gestärkt. Werden Menschen wahrgenommen, wie sie Gutes tun, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich verführen lassen zu dem, was Leben schadet.
Es gilt, Herzen zu gewinnen, nicht Kriege. Wer dem Terror den Krieg erklärt, mag diesen gewinnen. Aber er wird viele Menschen verlieren und keinen Frieden erreichen. Frieden realisiert man letztlich nicht mit Gewalt, auch wenn das „staatliche Gewaltmonopol“ zur Einhaltung von Recht und Ordnung notwendig ist. Jesus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“. Das sollten gerade wir Deutschen wissen: In unserer Geschichte haben sich am Ende weder Nazis noch Stasi durchgesetzt, sondern die friedliebenden Bürgerinnen und Bürger.
Die Überzeugungen von 81 Millionen Menschen in unserem Land sind entscheidend für dessen Zukunft, nicht die Gewaltphantasien weniger Krimineller. Darum ist es realistisch, das Böse mit Gutem zu überwinden. Dazu bestärkt uns ein Evangelium, das zur erfolgreichsten Religion dieser Erde wurde. Wir haben also guten Grund, zuversichtlich zu bleiben.

Ihr


Pfarrer Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt