Passion & Ostern in uns

Liebe Leserinnen und Leser,

was immer Sie glauben oder für selbstverständlich halten, es wird in diesem Leben erschüttert – früher oder später, mehr oder weniger. Krisen bleiben uns leider nicht erspart: eine schwere Krankheit, ein Unfall, ein Abschied.

Was wir nicht verhindern können, müssen wir durchleben. Die Passionsgeschichte Jesu öffnet uns hierzu eine Tür. Seine innige Beziehung zu Gott hilft ihm, sich einer Herausforderung zu stellen, die ihn überfordert. Im Garten Gethsemane betet er: „Abba (hebräisch für Papa), mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht was ich will, sondern was du willst geschehe!“

Jesus liebte das Leben. Er konnte feste feiern. So sehr, dass seine Gegner ihn einen „Fresser und Weinsäufer“ nannten. Und er gönnte anderen das Leben: Er heilte, half und stand zur Seite.

Doch dann passiert die Katastrophe: Er wird verraten und verkauft, im Stich gelassen. Am Ende hat er nur noch seinen Papa im Himmel. Wenn‘s ganz hart kommt, werden wir wieder wie Kinder. Verwundete Soldaten in Kriegsgefechten haben nach ihrer Mama gerufen. In ausweglosen Situationen sucht die Seele Halt bei „guten Mächten“, die uns „treu und still umgeben“. So beschrieb es Dietrich Bonhoeffer, als sein Leben durch Naziterror bedroht war. Auch wir können Anteil haben an solch heilsamer Nähe. Mitten im Unheil. Ein Wunder, was dann in uns zum Vorschein kommen kann.

Krebskranke Menschen haben es gespürt. Der Apostel Paulus, selbst leidgeprüft, sagte es auf seine Weise: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Welch heilsame Kraft strömt aus diesen Worten. Sie wirkt immer wieder bei Menschen in schweren Bedrängnissen. Ich bin überzeugt, unsere beste Seelsorgerin ist in uns: diese heilsame innere Kraft. Man kann sie auch Gottes heiligen Geist nennen. Kommen wir damit in Kontakt, fließt ein Strom des Lebens, der bedingungslosen Liebe. Spürbar besonders nach Erschütterungen, die Verkrustungen in uns aufbrechen. Die Beben im Leben können den Blick frei machen für das, was bleibt und Sinn ergibt.

Vor diesem Hintergrund wird auch folgender Satz des Paulus verständlich: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“
Im Grunde bestimmen nicht die Dinge über uns, sondern wir über die Dinge. Aber dafür müssen manche erst zu Grunde gehen, um dort unten dem zu begegnen, der aufs Kreuz gelegt wurde. Wer ihm in die Augen sieht, kann durch die Dinge dieser Welt in ein herzerfüllendes Licht schauen. Es kommt aus jener „Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“, so Bonhoeffer. Ein Lebenslicht, das nie erlischt.

Es erstrahlt in jedem Lichtblick, der uns geschenkt wird. Der uns aufstehen lässt aus der Niedergeschlagenheit. Dann wird es Ostern in uns.

Ihr und Euer Pfarrer

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt