Modernes Weltbild und Glaube

Liebe Leserinnen und Leser!

Wie lässt sich das moderne Weltbild der Entwicklung von Kosmos, Natur und Mensch mit einem Glauben an den Schöpfergott vereinbaren? Für immer mehr Menschen wird es zum Problem, naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Glauben an einen persönlichen Gott zu verbinden. Sie können sich Gott nur noch als Kraft oder Urgrund allen Seins vorstellen, aber nicht mehr als persönliches Gegenüber.
Wie können wir Gott heute glauben? Es gibt einen faszinierenden Ansatz, der uns helfen kann, mit wachem Verstand Gott auch als Person zu denken. Er findet sich in uralter Literatur: den Evangelien. Dort redet Jesus in Gleichnissen von Gott als einem, der „außer Landes“ ist und nach „langer Zeit“ zurückkommt, um von den Menschen Rechenschaft zu fordern (z.B. Mt 25,14f). Er spricht nicht von einem Gott, der permanent eingreifen muss, damit in seiner Schöpfung nichts schief läuft. Nein, seine Schöpfung ist „gut“ gelungen (Gen 1) und hat das Potenzial sich ebenso zu entwickeln. Sie braucht nicht ständig korrigiert und bevormundet zu werden. In Jesu Gleichnissen erscheint Gott weder als Diktator noch als Puppenspieler. Vielmehr wirbt er um uns, wie ein Bräutigam um seine Braut, oder ein Vater um seine Kinder. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt uns Jesus einen Gott, der uns sein Erbe anvertraut, auf die Gefahr hin, dass wir es verprassen. Ein freigiebiger Gott, der uns freigibt mit seiner ganzen Schöpfung. Ein Gott, der uns und seine Schöpfung Erfahrungen machen lässt – im Gelingen wie im Scheitern. Der auch dann noch zu uns steht, wenn wir heruntergekommen und mit leeren Händen vor ihm stehen. Gott lässt uns – aber er lässt uns nicht im Stich.
Der Theologe Sören Kierkegaard sagte es so: „Das Höchste, das überhaupt für ein Wesen getan werden kann, ist, es freizumachen.“ Wahre Freiheit gibt es nur in Beziehung. Sonst wird aus Freiheit Verlorenheit oder Gefangensein in Egoismus und Gier. Um uns zu befreien ist Gott Mensch geworden – ein für allemal.
In Jesus Christus hat er uns gezeigt, mit welcher Geistes- und Herzenshaltung wir wieder frei werden können – und mit uns diese wunderbare Erde, die wir in unserer Selbstbezogenheit aus-beuten und verwüsten.
Dieser Gott ist weder Diener unserer Wünsche, noch Despot. Er will uns nicht beherrschen, er will uns – als freies Gegenüber, als Partner. Kein leichtes Unterfangen für einen Schöpfer im Umgang mit seinen Geschöpfen: Zu viel göttliches Eingreifen hieße Bevormundung, zu wenig Verwahrlosung. Es ist eine Gratwanderung zwischen sich einmischen und sich zurücknehmen, damit wir Menschen mündig werden.
Es bleibt die Frage, wie wir in Kontakt kommen mit einem, der sich so weit zurückgenommen hat, wie einer, der „außer Landes“ ist. Nun, die Erfahrung zeigt, es ist möglich. Wenn ein Freund im Ausland weilt und wir ein wichtiges Anliegen haben, rufen wir ihn an. Und wenn er nicht abnimmt, sprechen wir auf seine Mailbox.
Im 21. Jahrhundert sollte es uns daher nicht allzu schwer fallen, an einen Gott zu glauben, der „außer Landes“ ist, aber doch erreichbar.


Ihr Pfarrer
Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt