Liebe Leserinnen und Leser,

wie kann man heute noch an einen persönlichen Gott glauben? In einem Universum, das sich selbst organisiert, ist ein Schöpfer im Grunde überflüssig. Und wenn er jenseits unserer Welt existiert, müssten wir es doch nachweisen können, falls er eingreift. Oder? Es ist noch keinem Menschen gelungen, Gottes Wirken wissenschaftlich zu beweisen. Aber ist Gott damit schon widerlegt? Keinesfalls.

Die meisten Menschen glauben immer noch irgendwie an einen Gott als höheres Wesen. Weil es für sie Sinn macht und ihnen hilft, ihr Leben zu bewältigen. Der Glaube an Gott kann uns Menschen auch davor bewahren, uns selbst zu vergötzen und im Allmachtswahn zu scheitern.

Erstaunlicherweise lässt sich das moderne Weltbild von Astro- und Quantenphysik besser mit einem Gottesglauben verbinden als das mechanistische Wissenschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Denn die Welt ist eben kein Uhrwerk, sondern ein sehr dynamisches Gebilde. Darum sind auch Wettervorhersagen so schwierig. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann das Wetter in einem anderen Land verändern, sagen Chaosforscher. Die Welt ist mit ihren vielen Variablen sehr komplex. Jedes System hat Unschärfen, die sich nicht berechnen lassen. Wir können letztlich nur von Wahrscheinlichkeiten reden. In einer solchen Welt könnte Gott eingreifen als griffe er nicht ein: Für den einen war es dann ein glücklicher Zufall, dass er den Unfall überlebt hat. Für die andere war es Bewahrung, wofür sie Gott dankt. Es bleibt eben zweideutig. Erst durch meine Deutung wird etwas eindeutig für mich.

Der Prophet Elia sagt: Gott war nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im Säuseln des Windes (1. Könige 19, 11+12). Anders gesagt: In den Unschärfen des Lebens, in den Zwischenräumen wird Gott seit alters erfahren. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir zwar noch wahrnehmen, aber nicht mehr erklären können. Indem wir diese dann aber deuten, verleihen wir ihnen Sinn. Wir sind entscheidend daran beteiligt, ob ein Ereignis zu einer Begegnung mit Gott wird oder ein Vorgang bleibt.

Wenn Gott uns zu seinem Bilde schuf, dann ist unser Einfühlungsvermögen nicht nur hilfreich, um andere Menschen zu verstehen, sondern ebenso, um etwas von Gott zu spüren: Wir wollen doch auch nicht bewiesen werden, vielmehr erkannt. Erkenntnis entsteht nicht durch Anhäufung von Wissen, sondern indem wir in Beziehung gehen. Im hebräischen Bibeltext steht „jadah“ für erkennen und lieben. Ich kann jemanden erkennen, wenn ich ihn liebe, aber nicht, wenn ich möglichst viele Daten über ihn sammle.

Im ersten Johannesbrief heißt es: „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Joh 4,16).

Um uns gnädig zu sein, hätte Gott nicht Mensch werden müssen. Gnade braucht keine Nähe. Liebe schon. Nach dem Evangelium ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden aus Leidenschaft zu uns. Einer, der das macht, will uns nicht beherrschen. Er ist kein Helikopter-Gott, der ständig eingreift und uns bevormundet. Nein, es muss Liebe sein; eine, die selbst durchs Leiden geht. Seine ausgebreiteten Arme am Kreuz sind ein Zeichen für diese Liebe. Als wollte er uns damit zeigen: was immer ihr Menschen von mir haltet, was immer ihr mir antut, ich bleibe offen für euch.

Wer liebt, will geliebt werden. Durch alles hindurch, über alles hinweg. Wollen wir einen Gott lieben, der Leid zulässt? Der uns manchmal auch befremdet? Wollen wir die Höhen und Tiefen des Lebens mit ihm teilen, uns ihm mitteilen? Es ist im Grunde eine Herzensentscheidung – ein Jawort?

Ich wünsche Ihnen eine leidenschaftliche Passions- und Osterzeit.

Ihr

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt