Martin Niemöller - auf ein Wort

Liebe Leserinnen und Leser!

Was jetzt kommt, lässt sich nicht so nebenbei lesen:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozial-demokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Dieses bekannte Zitat aus dem Jahr 1937 stammt von Martin Niemöller. Ein Mann mit einer erstaunlichen Lebensgeschichte, die ihn vom U-Boot zur Kanzel und vom Kirchenaustritt zum Kirchenpräsidenten führt. Einer, der auf sein Gewissen hört. Einer, der bereit ist, ein Leben lang zu lernen und den Mut hat, Ungerechtigkeit klar zu benennen. Jemand, der die Überzeugung lebt: Wer vor Gott die Knie beugt, braucht vor den Menschen nicht zu buckeln.
Als ehemaliger U-Boot Kommandant, National-konservativer und NSDAP-Mitglied erfüllt er nicht das Klischee eines Widerstandskämpfers. Und doch wird er zu einer Symbolfigur der evangelischen Opposition gegen den Nationalsozialismus. So weigert er sich als Pfarrer in seiner Gemeinde „Arierausweise“ auszustellen, um jüdische Gemeindeglieder nicht zu gefährden. Thomas Mann hat Niemöllers Grundhaltung in jener Zeit beschrieben als „God is my Führer“. Dadurch kommt er aber nicht nur mit den Nazis in Konflikt, sondern auch mit einer systemkonformen Kirchenelite.
Unter der Uniform der Obrigkeitstreue agiert die Kirche in Nazi-Deutschland ihre Feigheit vor der Menschenwürde aus. Als Gegenbewegung entsteht die „Bekennende Kirche“ im Untergrund. Zu ihr gehört auch Martin Niemöller, neben Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer.
Christliche Verantwortung betrifft für sie nicht nur das private Seelenheil, sondern das ganze Leben einer Gesellschaft. Als die Kirchenleitung Niemöller droht, ihm Bezüge und Wohnrecht im Pfarrhaus zu entziehen, tritt er kurzerhand aus der Kirche aus. Er wird als „persönlicher Gefangener Hitlers“ in Konzentrationslager verschleppt, doch gerade noch rechtzeitig vor seiner Hinrichtung 1945 von den Amerikanern befreit.
10 Jahre nach seiner Inhaftierung wird Martin Niemöller 1947 zum ersten Kirchenpräsidenten unserer Landeskirche EKHN ernannt. Seine Leitfrage: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Seine Antworten protestantisch: Er steht auf gegen Rüstungswettlauf, Kriegsdienst und Atomwaffen.
Keine Frage: „Was würde Jesus dazu sagen?“ ist brisant wie eh und je. Wir werden vom  Evangelium her ermutigt, „anstößig“ zu antworten. So ist in Zeiten der Finanzkrise von Jesus her sagbar: „Das Geld ist für den Menschen da und nicht der Mensch für das Geld.“ (nach Mk 2, 27)  Daraus folgt: Politik darf nicht zur Magd der Märkte werden. Und die Organisation Kirche hat sich immer wieder darauf zu besinnen, was sie ist: Kirche Jesu Christi und nicht Kirche McKinseys. Wir sind als Christen letztlich vom Evangelium am besten beraten. Dafür steht unser erster Kirchenpräsident. Hilfreich, sich immer wieder gewissenhaft daran zu erinnern: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Suchen wir in reformatorischem Disput gemeinsam nach Antworten, denn das ist „not-wendig“!

Ihr Pfarrer
Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt