Martin Luther - Gottes Passion

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wie können wir Gott erkennen, wenn wir ihn nicht sehen können? Diese immer wieder aktuelle Frage beschäftigte auch Martin Luther. Er fand Antworten durch sein intensives Bibelstudium. Im Buch Exodus bittet Mose den unsichtbaren Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Darauf erhält er als Antwort: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Doch Gott kommt Mose entgegen und gestattet ihm: „Du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

 

Nach Luther ist die Vorderseite Gottes, seine Majestät, Macht und Herrlichkeit, für uns nicht fassbar. Wir können nur die Rückseite Gottes erkennen, seine Schwachheit, Verletzlichkeit und Menschlichkeit. Diese wird in Jesus Christus begreifbar. Als der im Johannesevangelium von Philippus gebeten wird, „Herr, zeige uns den Vater“, antwortet Jesus: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Dass uns in Jesus der Mensch gewordene Gott begegnet, ist Kern christlichen Glaubens.

In der Heidelberger Disputation von 1518 entwickelt der Reformator aus diesen Erkenntnissen seine theologia crucis, die Theologie des Kreuzes. Gott kommt uns Menschen in Jesus nahe, nicht in Herrlichkeit, sondern im Leiden. Schließlich ist das Kreuz das Symbol für unseren christlichen Glauben geworden.

Aber was bringen diese Überlegungen für unser heutiges Leben? Martin Luthers Einsichten betreffen auch unsere Fragen: Wie kann ich in dieser widersprüchlichen Welt glauben? Warum lässt Gott all das Leiden zu? Wer versucht, mit seinem Verstand den Allmächtigen zu erkennen, wird sich in Paradoxien verlieren. Wenn ich es jedoch mit einem Gott zu tun habe, der in Jesus selbst erfahren musste, wie es ist, Schmerzen zu haben, verzweifelt zu sein oder geschmäht zu werden, dann kann dieser Gott glaubwürdig und tröstlich für mich sein. Er wird zu einem, der mich versteht, dem ich mich anvertrauen kann. Das hilft.

 

So, wie ein Kind, das sich unterwegs verletzt, die Nähe seiner Mutter sucht. Selbst wenn sie kein Pflaster hat, geht es ihm besser, einfach weil sie da ist, weil sie trösten kann.

 

„Not lehrt beten“, so besagt es ein Sprichwort. Krisen können uns öffnen für einen mitleidenden, das heißt sympathischen Gott. Einer mit dem ich eine heilsame Beziehung eingehen kann. Dagegen verführt der Glaube an einen großen, herrlichen Gott zu Allmachtsphantasien und Missbrauch für Krieg oder Terror. Luthers Warnung vor einer theologia gloriae, einer Theologie der Herrlichkeit, ist brandaktuell: Hinter der Glorifizierung Gottes steht der Mensch in Gefahr, sich selbst zu erhöhen. Wenn er betet „Gott ist groß“, macht er sich selber groß. Er maßt sich an, Herr über Leben und Tod zu sein. In der theologia crucis hingegen erscheint ein sich selbst erniedrigender Gott. Er kriecht vor uns zu Kreuze, um Sympathie, Mitleid in uns zu wecken. Er breitet am Kreuz die Arme aus, um uns deutlich zu machen: Was immer ihr mir antut, wozu immer ihr mich missbraucht, ich werde euch immer lieben. Nur wer liebt, kann erkennen. Adam erkannte Eva, heißt es im Alten Testament. Das hebräische jadah steht synonym für lieben und erkennen. Ich kann jemanden analysieren, diagnostizieren oder verehren, ohne ihn jemals zu erkennen. Liebe ich ihn, erkenne ich ihn – ob Mensch oder Gott.

 

Ihr Pfarrer

Frank Seeger

 


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