Magnolienknospen

Liebe Leserinnen und Leser,

der Magnolienbaum vor unserem Wohnzimmerfenster bringt mich immer wieder zum Staunen.

Im Frühling durch seine Blütenpracht. Im Herbst, wenn er seine bunten Blätter verliert. Schaue ich dann genau hin, entdecke ich auf den scheinbar kahlen Ästen Wunderbares: Knospen, aus denen schon die neuen Blüten spitzen. So, als gäbe es keinen Winter. So, als wäre morgen schon Frühling.

Ein Hoffnungsbaum, der sich auf den Frühling vorbereitet, auch wenn ihm ein langer kalter Winter dazwischenkommt, in dem die Natur ruht, als wäre sie tot. Die Schöpfung ist voller Symbolik für Glaubende:

Am Ende des Kirchenjahres gedenken wir der Menschen, die von uns gegangen sind, die im Tod ruhen. So, wie der Winter nicht das Ende der Jahreszeiten bedeutet, ist für uns Christen der Tod nicht das Ende unseres Seins. Ist er aber das Ende unseres Bewusstseins, wie manche glauben?

Seit alters berichten Menschen aller Kulturen von Nah-Tod-Erlebnissen. Sie schwebten über ihrem medizinisch toten Körper. Aber wie konnten sie ohne Augen ihren eigenen Körper dort unten liegen sehen? Alles nur Einbildung? Kann unser Bewusstsein wirklich außerhalb unseres Körpers existieren? Warum nicht.

In der digitalen Welt unterscheiden wir zwischen Hard- und Software. Wenn wir etwa ein Foto mit dem Smartphone senden. Unser Digitalbild ist nicht an eine Speicherkarte gebunden. Während der Funkübertragung ist das gesendete Bild sogar irgendwo im Nirgendwo, zwischen Himmel und Erde. Bis es auf dem Handy des Empfängers ankommt. Das funktioniert, ob wir´s verstehen oder nicht. Ähnlich einem Foto, das auf einem Speicherchip verweilt, wohnt unsere Seele in unserem Körper. Sie ist nicht für immer an ihn gebunden. Die Seele geht ein in Gottes Ewigkeit, der Körper in Gottes Erde.

Jesus sagt im Lukas-Evangelium vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs: „Gott ist aber nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.“ (Lk 20, 38)

Auch in uns leben sie, die von uns gingen. Wir sehen sie vor unserem inneren Auge, auch wenn ihre Körper schon zu Erde wurden oder Asche sind. Wir hören sie mit unserem inneren Ohr, auch wenn ihre Stimmen längst verklungen. Wie könnten wir sie, die in uns so lebendig sind, für tot erklären?

Wenn wir einmal sterben müssen, werden wir in denen leben, in deren Herzen wir schon heute sind. Und wir werden sein in Gott, dem alle leben – an keinen Ort und keine Zeit mehr gebunden.


Wir geh´n aus dieser Welt.

Was steckt dahinter,

wenn der Vorhang fällt?

Mag der Magnolienbaum uns lehren,

dass durch den kalten Todeswinter

wir in den Frühling Gottes kehren.

Ihr Pfarrer

Frank Seeger

 

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