Liebe Leserinnen und Leser,

er hatte schon viele schöne Fernreisen gemacht. Jetzt sind nur noch kleine Ausflüge im Rollstuhl möglich. Doch so glücklich wie in diesem Augenblick war er selten zuvor: ein sonniger Tag, blühende Büsche, die Vögel zwitschern – hinterm Pflegeheim. Er empfindet tiefe Dankbarkeit und ist selig, da zu sein.

Immer mehr Mensch machen die Erfahrung, dass man nicht viel haben muss, um Glück zu empfinden. Etwa der Multimillionär, der auf einer Weltreise in ein abgelegenes Dorf kommt und sich die Frage stellt: „Warum sind diese armen Leute so glücklich und ich nicht?“ Darauf beschließt er, nicht mehr reich an Gütern zu sein, sondern reich im Herzen.

Wohlstand ist eben mehr als nur viel zu haben. Wer sich abfüllt mit Dingen und Erfolgen, ist noch lange nicht erfüllt. Im ganzheitlichen Sinn des Evangeliums bedeutet Wohlstand „wohl dastehen vor Gott“.

Das macht Jesus in der Bergpredigt auf radikale Weise deutlich. So sagt er: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Das ist keine Rechtfertigung für Leid, sondern eine Verheißung für alle, die es hart getroffen hat.

Es gibt eine Glückseligkeit, die nicht davon abhängt, ob du gesund bist, viel kannst oder dir viel leisten kannst. Diese Seligkeit ist ein Geschenk Gottes. Gott ist dir näher als du dir je sein kannst. Genauso nah ist die Seligkeit in dir. Auch wenn es dir schlecht geht. Du kannst sie wahr nehmen. Unsere Kultur macht es uns schwer, das zu glauben, weil sie Glück mit Problemlosigkeit verbindet und in eine ideale Zukunft verschiebt. Es geht aber um ein Selig-Sein jetzt und unter allen Umständen.

„Selig sind, die da Leid tragen“ war auch zu Jesu Zeiten ein anstößiger Satz. Denn viele glaubten, wer arm oder krank ist, wurde von Gott gestraft und kann deshalb nicht glücklich sein. Das mag uns heute befremdlich erscheinen, ist aber gar nicht so weit weg von Vorstellungen wie: „Selber schuld, wenn du arm bist oder krank. Dann warst du wohl zu faul oder hast zu ungesund gelebt.“

Überhaupt, wo kämen wir hin, wenn auch die Letzten noch selig wären? Wer würde sich dann noch anstrengen? Wer schmiedete dann noch an seinem Glück? Leistung muss sich doch lohnen. Oder?

Jesu Verkündigung ist für alle, die einer Buchhalter-Gerechtigkeit anhängen, eine Zumutung.

Denn ihm geht es um eine Beziehungs-Gerechtigkeit; darum, dass alle an der Glückseligkeit teilhaben können. An einer Seligkeit, die unerschöpflich ist, weil sie von Gott kommt. Nur wer den Mangel zum Dogma macht, muss aufrechnen und ängstlich raffen. Dahinter steht die Befürchtung, zu kurz zu kommen. Wir sind aber nicht Sklaven des Mangels, sondern Kinder des ewigreichen Gottes. Er ist die Glücksquelle in uns. Dieses Glück ist stark. Es kann Verkrustungen der Seele durchbrechen. Und es will in Beziehung fließen: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Ebenso wie geteiltes Leid halbes Leid ist. In dem Sprichwort steckt die Erfahrung von Generationen, was am Ende wesentlich ist und was nicht. Mit Gott oder Menschen, die dich lieben kannst du alles teilen. Wer selig ist, wird’s glauben – und erleben.

Ihr Pfarrer

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt