Ein Selfie für die Seele

Liebe Leserinnen und Leser,

das ist doch wohl zu egoistisch. Oder? „Liebe dich selbst!“

Nun, es ist immerhin ein christliches Gebot. Im griechischen Urtext des Evangeliums steht „agapein“. Das meint: Liebe dich bedingungslos, so wie du bist. Mit deinen Licht- und Schattenseiten. Mit deinen Stärken und Schwächen.

Ein Egoist kann das nicht. Er kann sich nur akzeptieren, wenn er mehr hat, mehr leistet, besser wirkt als andere. Um sich aus der Masse herauszuheben, wird im Hamsterrad trainiert, die Karriereleiter erklommen. Und konsumiert auf Teufel komm raus. Viele kaufen von dem Geld, das sie nicht haben, Dinge, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen. Das macht die Seele nicht satt, aber die Erde kaputt – wegen der Nebenwirkungen einer Wohlstands-Völlerei.

„Liebe dich selbst!“ ist ein radikaler Satz, mit dem Potential, Mensch und Welt zu retten. Wer das Wesentliche hat, die Liebe, braucht weniger Zeugs zu einem erfüllten Leben.

Aber warum kommt diese Anweisung „Liebe dich selbst!“ sogar Bibel belesenen Christen eher befremdlich vor?

Auf der Selbstliebe liegt sogar ein besonderes Gewicht; denn sie steht am Satzende (Lk 10, 27).


Bezeichnender Weise wurde sie unterdrückt. Etwa durch die Bezeichnung „Doppelgebot der Liebe.“ Doch das Gebot lautet: Liebe Gott, deinen Nächsten sowie dich selbst. In Wahrheit ist es also ein Dreifachgebot.

Aber warum wurde es zu einem Doppelgebot reduziert? Es gab durchaus kirchenpolitische Gründe, die Selbstliebe hinten runter fallen zu lassen. So konnte man Menschen gefügiger machen; sie moralisch unter Druck setzen, um ihre Dienste auszunutzen. Wer jedoch aus dem dreifachen Liebesgebot ein zweifaches macht, kippt es.

Als Sinnbild für das Dreifachgebot stelle ich mir einen Hocker mit drei Beinen vor: Er wackelt nicht, selbst auf unebenem Boden. Ich finde, so ist es auch mit dem dreifachen Liebesgebot. Es ermöglicht einen guten Sitz im Auf und Ab des Lebens.

Schließlich gibt es für uns eine unerschöpfliche Quelle der Liebe. Im ersten Johannesbrief heißt es: „Gott hat uns zuerst geliebt“ (1. Joh 4, 19).

Wer sich ihm öffnet, erfährt, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden. Der wird auch befähigt, diese Liebe weiterzuschenken: an Gott, den Nächsten und last but not least an sich selbst.


Ein Selfie für die Seele und ein Segen für die Welt.


Ihr Pfarrer

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt