Liebe Leserinnen und Leser,

Musik vertreibt Trübsinn, macht Menschen fröhlich und gesellig. Das erkannte schon Martin Luther, der auch Musiker war. Er hatte bereits in jungen Jahren eine musikalische Ausbildung und sang im Chor. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zog er als Kurrendesänger von Haus zu Haus. Leidenschaftlich gern sang er und spielte dazu auf seiner Laute. Wegen seiner schönen Stimme wurde er auch die „Wittenbergische Nachtigall“ genannt. „Die Musik ist die beste Gottesgabe“, so Luther. „Nichts, so sage ich, nichts ist kräftiger als die Musik.“

So verwundert es auch nicht, dass die Musik bei der Reformation den Ton angab. In seiner Schrift „formula missae“ von 1523 kritisierte Martin Luther, dass „allein der Chor der Pfaffen und Schüler“ bei der heiligen Messe sang. Um die frühchristliche Tradition der singenden Gemeinde wieder zu beleben, forderte er „deutsche Gesänge, die das Volk unter der Messe singe“. Denn für das Kirchenvolk war der übliche Gottesdienst in lateinischer Sprache „Hokus Pokus“. Das Sprichwort ist eine populäre Ableitung der priesterlichen Abendmahlsworte „hoc est corpus“, auf deutsch „das ist der Leib (Christi)“.

Luther brachte das Evangelium fürs Volk verstehbar auch über den Gemeindegesang zurück in den Gottesdienst; ganz im biblischen Sinn (Kolosser 3,16): „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Dafür komponierte Martin Luther viele Lieder. Etliche wurden zu Klassikern, wie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ und natürlich die Reformationshymne „Ein feste Burg ist unser Gott“. Bis heute ist er der Komponist mit den meisten Liedern im evangelischen Gesangbuch.

Luther machte die Gemeinde wahrhaft mündig: Er legte ihr mit seinen Liedern die frohe Botschaft in den Mund. Nach Jahrhunderten der Bevormundung durch einen übermächtigen Klerus kam die Gemeinde zu Wort und Selbstbewusstsein. Wer etwas zu singen hat, der hat auch was zu sagen.

Dazu gibt es eine Anekdote aus dem Jahr 1533: Der lippische Landesherr Simon V. wollte die Reformation in seinem Herrschaftsgebiet unterdrücken und forderte das auch vom Rat der Stadt Lemgo. So schickte deren Bürgermeister Ratsdiener in alle Kirchen seiner Stadt, um die singenden Abtrünnigen zur Ordnung zu rufen. Doch die Diener kamen zurück und meldeten: „Herr Bürgermeister, sie singen alle.“ Darauf rief der: „Ei, es ist alles verloren!“ und trat zurück.

Heute ist vieles gewonnen durch das Erbe des volksnahen Musikers Luther. Denn Musik kennt keine Grenzen, auch keine konfessionellen. In evangelischen und katholischen Gemeinden singt das Kirchenvolk in Gottesdiensten und Chören. Hier wie dort gibt es KirchenmusikerInnen und viele gemeinsame Musikprojekte. In Michelstadt leitet die Frau des evangelischen Pfarrers den katholischen Kirchenchor, der zudem ökumenisch besetzt ist. Das zeigt, wie gemeindeorientierte Kirchenmusik verbinden kann. Es macht Hoffnung, dass es einmal zum guten Ton gehören wird, nicht nur ökumenisch zu singen, sondern auch Abendmahl miteinander zu feiern.

Ihr

Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt