Dein Glaube hat dir geholfen

Liebe Leserinnen und Leser,

Glaube wirkt Wunder. Das ist nicht nur eine uralte Weisheit, sondern zunehmend auch schulmedizinisches Wissen. Hirnforscher können heute zeigen, wie die Zuversicht des Geistes die Biologie des Körpers verändert. Was früher in die Esoterikecke gehörte, ist heute Gegenstand naturwissenschaftlichen Interesses. So gibt es an der Berliner Charité eine Arbeitsgruppe für „Meditationsforschung“. 

Dabei war es noch bis Ende des 20. Jahrhunderts in der historisch-kritischen Theologie Überzeugung vieler, Jesu Wunder seien Erfindungen der ersten Christengemeinden. Zu unreflektiert baute man damals auf ein überholtes Weltbild aus dem 19. Jahrhundert. Darüber könnte man heute schmunzeln, wäre es nicht so tragisch gewesen: So mancher ließ sich durch scheinbar kluge Theologen einen uralten Zugang zur Kraft des Glaubens verbauen oder wandte sich der Esoterik zu. Diese wurde zur Ausgleichsbewegung gegen einen platten, stumpfsinnigen Rationalismus.

Zum Glück spüren immer mehr Menschen mit Herz und Verstand ihren Sehnsüchten nach und entdecken uralte Weisheiten, wie sie auch im Evangelium aufleuchten. „Heilen mit dem Geist“, so ein Spiegelartikel (Nr. 21, 2013), ist eine zeitlose Realität, die erfahrbar war und ist. Aber das ist nun nichts Neues. Spannend wird es, wenn man genauer hinschaut: Wenn Jesus Kranke oder Blinde heilt, sagt er oft zu ihnen: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Er weckt offensichtlich einen heilsamen Glauben, der in uns Menschen schlummert. Umgekehrt kann Jesus in seinem Heimatort fast keine Wunder tun, weil er für die meisten dort nur der Sohn eines Zimmermanns ist (Mk 6, 1f.). Die Menschen haben ein erstarrtes Bild von ihm. Sie glauben ihm nicht. 

Glaube ist seinem Wesen nach jedoch ein Beziehungsgeschehen, offen für das, was bewegt.  So, wie einer ein Lied anstimmt und ein anderer einstimmt. Dann entsteht eine lebendige Melodie, die heilsam wirken kann. 

Wir sind keine Glaubens- oder Heilungsobjekte Gottes. Er wirbt um uns, wie ein Liebender. Weil Glaube auf Beziehung angelegt ist, kann er auch nicht funktionalisiert werden, ohne zu schaden. Der „Streng-dich-an-Glaube“, damit du gesünder, besser, stärker wirst, taugt allenfalls zur Droge, um in kranken Systemen besser zu funktionieren. Solange, bis wir ausgebrannt sind. Glaube als Dopingmittel. Anders Jesus: nachdem er 10 Aussätzige geheilt hat und nur einer zurück kommt, um sich zu bedanken, fragt er: „Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben …? (Lk 17, 11f.) Neun gehen. Nur einer geht in Beziehung.

„Und hätte ich „allen Glauben , so dass ich Berge versetzen könnte und hätte die Liebe nicht, so wäre mir´s nichts nütze.“       (1. Kor 13, 3)

So bringt es Paulus  auf den Punkt. Glaube führt in Beziehung oder er führt in die Irre. Heute weiß man, dass Einsamkeit mindestens so gesundheitsschädlich ist wie Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel. 

Keiner glaubt für sich allein. Darum gibt es seit der Urkirche Gemeinden. Bis heute. Wen wundert da noch, wenn ein Nachrichtenmagazin titelt: „Kirchgänger leben länger.“ Wer hätte gedacht, wie vernünftig es sein kann zu glauben und wie heilsam, in die Kirche zu gehen? So es uns denn näher bringt!

Ihr Pfarrer Frank Seeger

Full BG Kirche Michelstadt